16.05.2009 | Neue Westfälische

Von der Lust am Erzählen

Der Schriftsteller Simon Borowiak als Gast beim “Kreis 74″

Bielefeld. Wieder einmal freute sich die Straffälligenhilfe, der “Kreis 74″, über ihren “Ehrenamtlichen für einen Tag”. In schöner Benefiz-Tradition las der einstige Frankfurter Satire-Redakteur und jetzt in Hamburg lebende freie Schriftsteller Simon Borowiak zugunsten des Vereins.

“Ursprünglich wollte ich Pianist werden”, überrascht der 43-jährige Schriftsteller. Das sagt Simon Borowiak nicht einfach nur so. Am Frankfurter Konservatorium studierte er im Hauptfach Klavier, aber für eine Karriere als Pianist habe es nicht gereicht, räumt er unumwunden ein.
Es gab einen radikalen Bruch, wo er nicht einmal mehr Klaviermusik hören konnte. Dann kam das Schreiben ins Spiel: “Mit 21 habe ich Texte bei der Titanic eingereicht.” Viele Montagssitzungen in der Frankfurter Redaktion folgten und Borowiak erlebte dort seine “Lehrjahre”, in denen er zum Beispiel mit dem inzwischen verstorbenen Comiczeichner Bernd Pfarr die Figur “Sondermann” erfand. Bekannt wurde Borowiak vor allem durch die Verfilmung seines ersten Romans “Frau Rettich, die Czerni und ich”.

“Man lacht und lernt”, sagt Norbert Schaldach vom “Kreis 74″ über Borowiaks medizinisch gefärbtes, aber ebenso mit Komik aufgeladenes Buch “Alk”, ein Buch über Amateur- und Profitrinker. Im “Miner’s Coffee” liest der Schriftsteller nun aus seinem neuen Roman “Wer Wem Wen”, eine Erzählung über eine schräge Reisegesellschaft, die in den Skiurlaub fährt. Der Ich-Erzähler ist dabei, sein Kompagnon Cromwell aus der Psychiatrie, ein Paartherapeut mit Frau und eine junge Journalistin.
“Ich schreibe über Dinge, die ich kenne”, sagt Borowiak und erzählt, wann genau er seine im Kopf entstandene Geschichte niederschreiben kann. “Ich nene diesen Moment den Point of Prosa”, lacht er. “Der Kick ist da, wenn ich genau weiß, welche Atmosphäre und welchen Tonfall die Geschichte braucht.”

Danach schreibe er zügig am Stück, wo Autobiografisches und Fiktives ineinander fließen. Cromwell, der auch in dem im Herbst erscheinenden Roman wieder dabei ist, sei zum Beispiel aus zwei Vorbildern entstanden, machte sich aber während des Schreibens selbstständig und lenkte die Erzählung wie ferngesteuert in eine unbeabsichtigte Richtung. Überarbeiten brauche er kaum. Jedem Kapitel seiner “Sommerbeichte” fügte Borowiak zudem noch kleine, minimalistische Zeichnungen hinzu.

“Die Berge”, dozierte ich, “das ist die Fortsetzung der Geschlossenen mit geologischen Mitteln.” Borowiaks Sprachwitz ist eigenwillig, manchmal derb und nichts für Menschen, die leicht erröten. Seine Lust am Erzählen, an der sprachlichen Potenz schöpft er voll aus. Tragik und Komik, bei Borowiak ein unzertrennliches Paar. Was wünscht der Erzähler seinem schrägen Freund Cromwell, der eine Trennung ebenso liebt wie die Beziehung? Er wünscht ihm eine Frau, bei der “jeder Satz ein Bonmot (ist) und jede Bewegung ganz, ganz großes Bolschoi.”

Simon Borowiak: Wer Wem Wen. Eine Sommerbeichte”, Eichhorn Verlag, 184 Seiten, 14.95 Euro.

Quellangabe:

Format: Neue Westfälische Zeitung
Redaktion: Lokale Kultur
Verlag: Zeitungsverlag Neue Westfälische GmbH & Co.KG
Ausgabe: Samstag/Sonntag, 16./17. Mai 2009
Autorin: Maria Frickenstein (Text und Foto)