1. September 2008 | Razzia

“Du, der Zoll ist hier. Die haben uns gerade gestürmt und machen eine Razzia. Die suchen nach Illegalen und Schwarzarbeitern”, sagt mir die aufgeregte Mitarbeiterin am Telefon. Samstag Nachmittag bei Sonnenschein zur Boomzeit, der Laden platzt aus allen Nähten. Das will ich genau wissen und fahre ins Meiners. Als ich ankomme, ist ein Großteil der Zoll-Einheit bereits wieder abgerückt. Die üblichen Verdächtigen, also die “nur kurz aushelfenden privaten Freunde” sowie die “wirklich gerade eben erst angefangenen neuen Mitarbeiter”, waren in diesem Fall scheinbar nicht anzutreffen.

Die Mitarbeiterin Luise (Namen geändert) ist über die Art und Weise des leicht militanten Auftretens der Truppe recht aufgebracht und schnippt einem Beamten “was denn wäre, wenn sie die Aussage verweigern würde, zumal da ja jeder kommen könne”. Als er ihr daraufhin ernst erklärt, dass man in einem solchen Fall mit einem Bußgeld von bis zu 5.000 Euro belegt werden kann, ist sie spontan kooperativ und sagt “Stellen Sie ihre Fragen”.

Zivile Beamte, die an beiden Ausgängen auf panisch flüchtende Mitarbeiterinnen vorbereitet sind, haben wenig Zulauf und schlendern bald wieder zum Einsatzfahrzeug zurück. Kurz vorher mutete ein Teil der Aktion leicht satirisch an, als vier Beamte, warum auch immer, in unser Büro stürmen (etwa 4 qm und fensterlos) und dort aufeinander auflaufen, weil der Raum hinter der Tür direkt zu Ende ist, die hinteren dies aber zu spät erkannten und einfach weitergelaufen waren. Der letzte Rest der Truppe lungert nun noch eine Weile in der Küche herum sucht dort nach etwaigen Indizien für kriminelle Verwicklungen. Sie rechtfertigen den personellen Aufwand dieses Einsatzes, indem sie uns erzählen, wie oft sie von aufgebrachten Gastronomen angegriffen wurden. Ich werfe einen kurzen Blick aus der Küche in den Laden auf die nicht enden wollende Warteschlange und kann das gut verstehen, werte die Erzählung dann aber als eine Art unbeholfene Entschuldigung.

Bei uns sind Illegale in der Küche eher weniger anzutreffen, daher finden wir eine echte Razzia zunächst einmal aufregend und interessant. Man kennt das ja sonst nur aus Krimis, in denen Leute wie Brad Pitt oder Robert de Niro unsere Rolle mimen. Am Ende sind die Beamten sehr nett, versprechen bald mal privat auf einen Kaffee vorbeizukommen, und wir haben Gesprächsstoff für die nächsten Wochen.

KOMMENTAR: 24.10.2008, Höhner

Die Razzia danach war bestimmt direkt zwei Häuser weiter. Mit 20 Mann in den 3-qm-Kiosk…

KOMMENTAR: 14.11.2008, André

Wirklich sehr lustig. In der Gastronomie und auf dem Bau ist das ja leider Alltag heute. Als regelmäßiger Kunde des Bielefelder Nachtlebens durfte ich manche Razzia erleben, allerdings meist mehr im Kneipenmilieu oder dort, wo unterschiedlichste Nationen als Küchenhelfer anzutreffen sind. Gruß.

 

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