Für jene, die gern einen heben
Simon Borowiak liest aus “Alk - Fast ein Fachbuch”
Bielefeld. Er war einmal Alkoholiker, er war einmal Titanic-Redakteur und er war einmal eine Frau. Simon Borowiak hat einiges erlebt und ist bereit, allen davon zu erzählen. Etwa 90 Bielefelder hörten Borowiaks Lesung “für alle, die gerne einen heben”. Aus seinem Werk “Alk - Fast ein Fachbuch” las er im Miner’s Coffee.
In “Alk”, erschienen im Eichborn-Verlag, beschreibt er seine Alkoholsucht mit einer eigentümlichen Mischung aus Humor und Ernst. “Es wird auch mikrobiologisch”, warnte der Autor, eingeklemmt zwischen niedrigem Podest und hohem Hocker. “Wenn es nach der Pause nicht sitzt, machen wir es nochmal von vorne.” Zwar war Borowiaks Vortrag tatsächlich gespickt mit medizinischen Fachbegriffen und Statistik, doch bettete er diese in eine so unterhaltsame Sprache, dass das Publikum immer wieder in Gelächter ausbrach.
Borowiak beschreibt, was in der Körper-Kneipe “Zum Oberstübchen” passiert, wenn Alkohol getrunken wird. Wer nach dem Schwips, dem “Hihi, ich will so bleiben, wie ich bin”-Zustand, weiter trinke, fühle Euphorie und leide unter geminderter Kritikfähigkeit. Die finde ihren Ausdruck in Gedanken wie: “Einbruchdiebstahl - warum eigentlich nicht?” oder “Das muss dem Chef aber mal gesagt werden”. Betrunken sein sei wie verliebt sein: es folgten Kater und Depression, beziehungsweise Ehe und Familie. Der “Profitrinker”, mit “von der Krankenkasse beglaubigter Urkunde” sei mit dem Alkohol quasi verheiratet, der “Amateurtrinker” locker verlobt.
Wer aber ist ein Alkoholiker? “Wer den ganzen Tag schlecht frisiert auf der Parkbank liegt und im Turnbeutel weiße Mäuse züchtet” - so hätten es laut Borowiak die “Bürgerlichen” gerne. Bei etwa drei Millionen Alkoholabhängigen in Deutschland “wären das aber eine Menge Parkbänke”. Das Übel sei die gesellschaftliche Relativierung der Alkoholsucht, die Prosecco-Tanten, und das “Gelaber vom guten Tropfen”. Alkoholsüchtige aus der Amateurliga hielten sich an Konventionen , um nicht aufzufallen. “Nach Einbruch der Dämmerung, nach der Arbeit und in Begleitung anderer Trinkender”, gelte das Trinken in der Regel als in Ordnung. Beim Zuhörer regen sich ambivalente Gefühle. Borowiaks Sprache, seine Bilder und Beispiele sind lustig. Aber worüber lacht der Zuschauer, ein Bierchen in der Hand, da eigentlich? Darf man das? Borowiaks Humor scheint angesichts seiner eigenen Geschichte makaber, doch zeigt er so die Absurdität und Gefahr gesellschaftlicher Konventionen auf.
Eingeladen wurde der Autor vom “Kreis 74, Straffälligenhilfe Bielefeld”. Der Verein veranstaltet regelmäßig Lesungen, Konzerte und Kunstauktionen. “Das Thema Alkohol ist ja auch bei unserer Arbeit ein wichtiges, deshalb habe ich Herrn Borowiak angesprochen”, erklärte Norbert Schaldach vom Kreis 74. Im Oktober sei eine weitere Lesung geplant, dann lese er aus seinem aktuellen Buch “Wer.Wem.Wen. Eine Sommerbeichte”, in dem er seine Psychiatrie-Erfahrungen beschreibt.
Quellangabe:
Format: Neue Westfälische
Redaktion: Lokale Kultur
Verlag: Zeitungsverlag NEUE WESTFÄLISCHE GmbH & Co.KG
Ausgabe: Samstag/Sonntag, 9./10. Februar 2008
Autorin: Kristin Bachmann (Text & Foto)






