14.05.2005 | Neue Westfälische

Das versöhnliche böse
 
Dietmar Bittrich las aus dem “Orakel” und anderem
 
Bielefeld. Bittrich ist das Perpetuum mobile des Pendragon Verlages: Sein “Gummibärchenorakel” wurde schon mehr als 500.000 Mal verkauft. Welche Anziehungskraft auch seine anderen Veröffentlichungen haben demonstrierte der Autor vergangenen Donnerstag im Miner’s.
 
Den Gästen dieser zehnten “Poetry-Night” schwant, worauf sie sich eingelassen haben. Überall liegen kleine Gummibärchentüten verstreut. Wer es wagt davon zu essen, wird von Moderator Andreas Liebelei humorig dazu aufgefordert, das “Arbeitsmaterial” vorerst noch zu schonen. Das kann ja heiter werden. Wird es auch.
 
Bittrich hat neben den Bänden “Dann fahr doch gleich nach Haus” und “Der tödliche Rasierspiegel” natürlich seinen Bestseller dabei. Bevor er jedoch zu diesem Höhepunkt gelangt, nimmt der Hamburger das Publikum mit auf eine entlarvende Reise in die menschliche Psyche.
 
Seine Kurzprosa eröffnet eine versöhnliche Perspektive auf den zumeist fröhlich-aggressiven Sozialallergiker in ihrem Zentrum. Das Fiese ist eine Vergnügliche und ehrlichere Alternative zu den gewohnten Umgangsformen, ganz nach dem
Motto: “Anderen eine Grube zu graben ist anstrengend, aber es zahlt sich fast immer aus”. Da wird für den Verteidigungsfall gegen dreiste Mitreisende in der Bahn aufgerüstet und ein Mordkomplott gegen den Erbonkel ausgeheckt, dass es eine Art hat.
 
Das Beste kommt nach der Pause: Endlich dürfen die Gummibärchen ausgepackt werden. Nun deutet Bittrich anhand seines Orakels die Charaktere seiner Zuhörer. Nina ist die Erste, sie zieht zwei orangene Bärchen aus der Tüte und muss erfahren, dass diese Kombination für Oberflächlichkeit steht.
 
Danach entdeckt Bittrich “hohe geistige Klarheit” bei Janina, die zudem noch “das grüne Bärchen der Selbstdisziplin” gezogen hat. Bittrich will das Orakeln aber nicht zu harmonisch werden lassen: “Endlich eine Katastrophe!“, freut er sich, als jemand vier rote Bärchen zieht. Alle lachen hämisch.
 
Bittrich beschließt das Programm weise mit einem Text über eine Lesung aus der Sicht eines gequälten Besuchers. Dieser geht in Bittrichs Geschichte bald dazu über, die Inneneinrichtung zu studieren und ist ohnehin nur gekommen, um das signierte Buch später im Internet zu versetzen. Dazu sind die Werke Bittrichs selbst allerdings zu schade. Das steht spätestens nach dieser Poetry-Night fest.
 
 
Quellangabe:
Format: Neue Westfälische
Redaktion: Lokales
Verlag: Zeitungsverlag NEUE WESTFÄLISCHE GmbH & Co.KG
Ausgabe: Samstag, 14. Mai 2005
Internet: http://www.nw-news.de
e-mail: redaktion@neue-westfälische.de
Autorin: Heike Pfaff
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