Beim Dauerwellenkongress
Satirischer Abend mit Fritz Tietz im “Miner’s Coffee”
Fritz Tietz ist eine auf den ersten Blick unauffällige Erscheinung. Im grau gestreiften Anzug und mit adrettem Kurzhaarschnitt betritt der Mittvierziger die kleine Bühne im “Miner’s”. Der ehemalige Direktor des Frapp-Theaters und Mitherausgeber des “Dreck-Magazins” verließ seine Geburtsstadt Bielefeld 1986, um als Volontär beim Frankfurter Satiremagazin Titanic seine Karriere als Autor, Redakteur und Kolumnist zu beginnen.
Auf dem Programm stehen an diesem Abend absurde Kurzgeschichten, die zum Schmunzeln anregen. Sein drittes Buch “Zwischen Gourmetstation und Suppenhaarmuseum” widmet sich dabei vor allem den Eigenheiten der provinziellen Land und Kleinstadtbevölkerung.
Selbst wohnhaft in der Nordheide im Kreis Harburg bei Hamburg hat der Schreiber in seinen Oden an öde Orte ein fabelhaftes Gespür für die kleinen Skurrilitäten des Alltags. Überzogen naive Betrachtungen wechseln sich mit fein säuberlich artikulierten Bissigkeiten ab. Die einzelnen Geschichten unterscheiden sich jedoch in Machart und Witz sehr.
Alternativ zu den vermeintlich erlebten Anekdötchen wie “Die dicke Sabine” begibt er sich auf fiktive Reportagen, in denen Tietz “Zu Besuch bei Oliver Kahn” oder auf den Spuren von “Lotto-Lothar” ist. In “Armut gar nicht so schlimm” begleitet er - politisch absichtlich ganz provokant-unkorrekt - mit SPD-Größen die potenziellen Verlierer der Agenda 2010 beim Survival-Lehrgang durch die Harburger Innenstadt.
Mit seinen fast schon pedantisch detailreichen Formulierungen trifft Tietz dabei genau den Nerv seiner Altersgenossen. Die relevante Zielgruppe fest im Blick versteigt sich der Satiriker beim “Dauerwellenkongress” jedoch in eine schlichtere, phrasenhafte Erzählweise. Der erste freitagabendliche Discobesuch des 43-jährigen Protagonisten “nach geschätzten 15 Jahren” Abstinenz bedient ausnahmslos die Klischees vom letzen jugendlichen Aufbäumen einer gealterten Generation. Abgeklärter als mit Anfang Zwanzig, dafür aber übergewichtig, stolpert der Held dem Eheversprechen zum Trotz durch allerlei seichtere Schlüpfrigkeiten, die, durch Musiktitel wie “Ballroom Blitz” oder “Sympathy For The Devil” angereichert, Erinnerungen wachrufen sollen.
Bemüht umgangssprachlich “clubt der Beat” zur verblichenen Eis-am-Stiel-Romantik, von Hormonschüben gepeinigt und durch kreisende Hüften inspiriert, träumt sich der Ich-Erzähler in die Arme so mancher “Wuchtbrumme”. Zum sichtlichen Amüsement der Gäste verschlägt es ihn stattdessen ins “schon ziemlich reife Getreide” mit der eigenen Angetrauten.
Gut unterhalten und durch das Serviceperspnal vortrefflich bewirtet genießt das Publikum den weiteren Abend.
Quellangabe:
Format: Neue Westfälische
Redaktion: Lokales
Verlag: Zeitungsverlag NEUE WESTFÄLISCHE GmbH & Co.KG
Ausgabe: Freitag, 21. Januar 2005
Internet: http://www.nw-news.de
e-mail: redaktion@neue-westfälische.de
Autor: Marius Giessmann
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