Locker vom Barhocker
Sänger und Schauspieler Reiner Schöne las aus seinem Buch “Let the sunshine in”.
Bielefeld. Viele Autoren schreiben in Cafés. In Berlin ist das nichts Ungewöhnliches, und so bezeugt es auch die Wiener Kaffeehaustradition. Im Kaffeehaus “Miner’s Coffee” ist es genau umgekehrt. Der Schauspieler, Drehbuchautor, Songschreiber und Sänger Reiner Schöne erzählte aus seinen Erinnerungen und las Kurzgeschichten aus seinem Buch “Let the sunshine in”.
Ein Buchtitel der nicht nur zufällig an das Anti-Vietnam-Rockmusical “Hair” erinnert. Nach seiner Flucht aus der DDR ermöglichen zunächst kopierte Musikbänder seinen “Kickstart” in den Westen. Mit “Hair” erhält Reiner Schöne seine erste große Chance.
Wie schrieb 1968 die “Junge Welt” der DDR: “Reiner Schöne hatte hier alles in der DDR…Jetzt wälzt er sich mit einer Gruppe Hippies nackt auf der Bühne…Das ist wohl das letzte Mal, das man von diesem jungen Künstler gehört hat.”
Locker vom Barhocker, mit dem Publikum auf Du und Du, erzählt der Schauspieler aus seinem turbulenten Leben zwischen Deutschland und Amerika. Künstler wie Clint Eastwood, Ingrid Bergmann, Konstantin Wecker und unzählige andere kreuzen seinen Weg. Bühnenrollen aus jedem Fach interpretiert er, spielt in Western, Krimis und Sciencefiction-Filmen. Zu sehen ist er im “Raumschiff Enterprise”, in “Ottos Katastrophenfilm” oder in Rosamunde Pilchers “Magie der Liebe”.
“Ich schreibe seit 35 Jahren Tagebücher, Songs und Drehbücher”, schildert Reiner Schöne. Die Kurzgeschichten bringe er in ein paar Stunden “in einem Rutsch” zu Papier, in Flugzeugen, Hotels und Zügen. Seine schreibenden Vorbilder sind der Song-Schreiber Steve Earl und der Bühnenautor und Pulitzer-Preisträger Sam Shepard. Wenn Reiner Schöne mit seinem Buch auch keinen literarischen Preis gewinnen mag. Amüsant ist seine Lesung alle mal.
Schöne ist durch und durch Bühnenmensch, ein bisschen “Lonesome Cowboy” ein bisschen Lucky Luke, wenn er in farbenfrohem Kitsch von Wüsten, Kojoten und Bussard plaudert. Schöne ist ein sympathisches, umtriebiges Raubein, Liedermacher, schalkhafter Vagabund. Er hat Spaß am Lesen und Erzählen und greift gern für einen Song zur Gitarre.
Auf die Uhr schaut er nicht, zweieinhalb Stunden nicht. “Me and Bobby McGee” zupft er, spielt aus “Hair” die Songs “Aquarius” und “Let the sunshine in”, singt mit seiner markanten tiefen Stimme auch eigene Lieder. Die Gitarre noch unterm Arm geklemmt liest er von einem Angebot aus Wien und schon wienert er.
Später sächselt er, scherzt, kommentiert seinen Text, lacht drüber, verrät seine ersten Ost-West-Missverständnisse, lässt Freud’sche Versprecher raus und freut sich drüber.
Selbstironisch sind seine Texte. Sex and Drugs and Rock’n’Roll: Drogen könne er definitiv nichts abgewinnen, betont er und weiß dazu eine spaßige Geschichte. Jemand habe ihm damals von einem LSD-Trip erzählt, bei dem dieser eine Woche als Orange geschält worden ist. Nichts, was für Drogen spricht.
Nun: Amerika liegt hinter ihm. Nach dem Selbstmord eines Bekannten in seinem Haus in Kalifornien lebt Schöne heute wieder in Berlin und singt: “Hat mich der Teufel vertrieben oder n Engel geküsst?”
Reiner Schöne: Let the sunshine in. Erinnerungen und Stories. Mit Fotos, Pendragon Verlag, 158 Seiten, 12.80EUR.
Quellangabe:
Format: Neue Westfälische
Verlag: Zeitungsverlag NEUE WESTFÄLISCHE GmbH & Co.KG
Ausgabe: Samstag, 12. Juni 2004
Internet: http://www.nw-news.de
e-mail: redaktion@neue-westfälische.de
Autor: Maria Frickenstein






