01.05.2003 | Cafè Bistro Cafetier

Miner’s Coffee - eine unkonventionelle Erfolgsstory 

Es gibt sie, die Erfolgsstorys in der deutschsprachigen Coffeeshop-Szene.Zum Beispiel Miner’s Coffee: Das im Mai 2001 in Bielefeld eröffnete Kaffeehaus war bereits nach anderthalb Jahren amortisiert. Die Erfolgsfaktoren sind neben einer pragmatischen Organisation und zufriedenen Mitarbeitern neue Ansätze beim Umgang mit den Gästen.  «Miner’s» heisst ins Deutsche übersetzt «Bergarbeiter». Es ist aber auch ein Coffee-House. In Bielefeld. Mit dem Typus des Bergarbeiters im Logo. In der Fachwelt ist «Miner’s» bemerkenswert gut bekannt. Sein Besitzer, Rolf Grotegut, beeindruckt mit seiner Bescheidenheit und seinem Charme. Eine durchaus berechtigte Frage deshalb: Was hat das im Mai 2001 eröffnete Kaffeehaus, was andere nicht haben?

Verschiedene Fakten fallen sofort auf. «Wir sind antikommerziell und machen unsere Arbeit aus Überzeugung. Egal, was es kostet. Das bringt letztendlich auch das Geld.» Fangen wir mit dem Geld an. Bereits nach 18 Monaten Laufzeit hatte Grotegut die Investitionen wieder zurück. Und dabei hat er nicht gekleckert. Das 160 Quadratmeter grosse und vier Meter hohe Kaffeehaus mit einem einladenden, grosszügigen Eingangsbereich mit Sicht auf die Bar ist modern gestaltet. Wer sehen und gesehen werden will, findet auf den Hochstühlen an der Fensterfront viel Platz. Aber auch gemütliche Ledersesselgruppen mit einem gewissen Sichtschutz durch Warenpräsentation sowie Merchandising-Elemente laden zum Verweilen ein. Die Farben Rot, Schwarz und Weiss dominieren das Cafè. Das Design ist ganz ohne Schnörkel, sachlich und hell. Blickfang sind die Automaten, die Kaffeeschüttler, der Röster, der einmal am Tag angeschmissen wird und einen herrlichen, den ganzen Tag anhaltenden Duft verbreitet, sowie das Sortiment an frischen Kaffeebohnen. Alles Elemente, die das Erlebnis «Kaffee» dem Kunden näher bringen sollen.

 Personalkosten bei 20 Prozent

Gespart hat Grotegut beim Interieur und bei der Qualität seiner Produkte also nicht. Sein Laden ist grosszügig bis grossstädtisch, so dass Miner’s zu einer Destination für die Bielefelder geworden ist. Und auch bei den Preisen liegt er in der statistischen Mitte und unter denen von Starbucks. Ein Espresso kostet zwischen 1.50 und 2.20 Euro, ein Cappuccino gibt es ab 2.30 Euro. Seine 25 Mitarbeiter, drei davon fest angestellt, die anderen studentische Aushilfen, werden ordentlich bezahlt. Nach einem einfachen System: Wer älter oder länger dabei ist, bekommt mehr. Bisher, so bemerkt Grotegut mit berechtigtem Stolz, hat noch keiner wegen eines anderen Jobs gekündigt. Preisbewusste Entscheidungen hat er dennoch getroffen: So ist er bewusst nicht an eine 1-A-Lage der Stadt gegangen, sondern hat sich mit einem tieferen C-Standort begnügt, was die Kosten Monat für Monat nicht unwesentlich beeinflusst. Er selbst ist nicht nur tagtäglich im Geschäft, sondern arbeitet tatsächlich mit, was neben der geringen Food-Produktion vor Ort die Personalkosten auf phänomenale 20 Prozent senkt. Den Überlegungen anderer grosser Ketten wie Starbucks, dass ein Geschäft erst nach dem vierzigsten Standort rentiere, kann der Chef des «Miner’s» deshalb nur schwer folgen. Er gesteht auch offen, dass er dieses Risiko niemals eingehen würde.

 Pragmatische Arbeitsweise

Ein weiterer Grund des Interesses der Fachwelt an Miner’s ist sicherlich der Inhaber Rolf Grotegut selbst. In der Welt des Corpoate Business mit Vorstandssitzungen, Aktienkursen und Expansionsstrategien sticht der 38-jährige sympathisch und wohltuend heraus. Den heutzutage obligatorischen Anzug und die Krawatte braucht er nicht, um überzeugend herüberzukommen. Doch es sind nicht nur Äusserlichkeiten, die den studierten Fotodesigner mit langjähriger Erfahrung bei grossen Systemern.- als Franchise-Nehmer bei Gameiro (Pizza-Delivery-Unternehmen in Deutschland) und beim englischen Kosmetikunternehmen «The Body Shop» - unterscheiden. Es ist seine ganze Philosophie. Grotegut formuliert zum Beispiel Sätze wie: «Wir sind antikommerziell und machen unsere Arbeit aus Überzeugung. Egal, was es kostet. Das bringt letztendlich auch das Geld.» Seine persönliche Stärke sieht er vor allem in seiner Liebe zum Detail. Im Miner’s, so Grotegut, ist der gesamte Produktionsprozess auf das Genaueste ausgefeilt. Wenn etwas nicht praktisch war - man sich zum Beispiel zu tief bücken musste, um die Milch zu holen -, wird der Ladenbau verändert. Der gesamte Backcounter wurde dank dieses pragmatischen Konzeptansatzes inzwischen neu organisiert. Die hausgerösteten Kaffeebohnen liegen für den Verkauf heute bereits abgepackt und verkaufsbereit in den Regalen, nachdem klar wurde, dass es viel zu viel Zeit in Anspruch nimmt sie jeweils für den einzelnen Kunden abzuwiegen. Ein anderes Beispiel: Von der Kasse bis zum Barista muss der Kunde nicht einen Schritt gehen. Der Vorteil liegt vor allem darin, dass der Barista bereits am Bon die Bestellung erkennt und schon mit der Zubereitung der Espressospezialitäten anfangen kann. Lange Wartezeiten gibt es somit nicht. Und das ist wichtig bei durchschnittlich 1000 Besuchern pro Tag und über 1600 am Wochenende. Jeder Handgriff sitzt inzwischen, so Grotegut stolz. Produziert wird dabei kaum Food am Point-of-sale selbst: Die Backwaren holt man sich von ortsansässigen Bäckern, frisch belegt vor Ort werden noch die Sandwichs. Die kalte Küche bietet neben Sandwichs, Foccaccias, Bagels, Fruchtsalaten, Joghurts noch diverse süsse Backwaren und Kuchen. Warm gibts lediglich frisch getoastete Bagels. Besonders erwähnenswert Ist’ jedoch der Umgang der Miner’s-Mitarbeiter mit ihren Kunden. Vom Himmel fällt so ein Verhalten nicht. Es stecken viele Gedanken, Arbeit und ein regelmässiges Training dahinter.

 Erfolgsfaktor Menschenkenntnis

«Was kann einen Kunden davon abhalten, dass er ein Kunde von uns wird?», formuliert Grotegut die alles bestimmende Grundfrage. So macht man sich zum Beispiel viele Überlegungen darüber, wie Berührungsängste abgebaut werden können. Jeder weiss, dass die Menschen verschieden sind. Manche reagieren eher visuell, andere auditiv, die, nächsten werden eher über den Geruch angesprochen - die einen sind eher schüchtern, die anderen extrovertiert. Jeder Menschentyp verlangt nach einem anderen Empfang und Umgang seitens der Mitarbeiter, ist man bei Miner’s überzeugt. In den Schulungen werden die Kollegen von Miner’s deshalb darauf aufmerksam gemacht und es wird ihnen in Rollenspielen erklärt, wie diese Gäste zu erkennen sind und wie auf sie unterschiedlich eingegangen werden sollte. Geschieht das gekonnt, wächst bewiesenermassen die Zahl der Stammkunden. Bei Miner’s liegt sie inzwischen bei 80 Prozent. Genauso wird auf Kleinigkeiten geachtet. So gibt es eine nummerierte Speisekarte, um Peinlichkeiten für den Gast bei der Aussprache der Bestellungen zu vermeiden. Die Kellner sind aber angehalten, die Bestellung nicht mit der Nummer, sondern mit der Bezeichnung zu wiederholen. Das soll einen Lerneffekt bewirken, der Kunde kann sich dann über das Kennen der Produkte besser mit der Miner’s-Kaffeewelt identifizieren. 

Die Schwellenangst nehmen

Eine weitere Kleinigkeit betrifft die Gestaltung des Eingangs: Möglichst gross müssten die Türen sein, so Grotegut. Damit die Schwellenangst zum Betreten kleiner werde. Deshalb lässt man auch die Eingangstüren im Sommer gleich ganz offen stehen. «Dann steht der Kunde manchmal wie zufällig direkt im Laden.» Und wird von dort direkt weitergeleitet: Wichtig sei nämlich, dass der Kunde nicht erst lange suchen müsse, was er finden will und soll. Deshalb ist der Tresen idealerweise auch direkt gegenüber der Eingangstüre platziert. Wichtig ist der Miner’s-Crew zudem, dass der Kunde bei der Zubereitung seiner Bestellung direkt dabei ist. Der Barista nutzt diese Zeit und erklärt Details der Kaffeezubereitung, was natürlich die gesamte Kaffeezelebration als Herz des Coffeeshops dem Gast noch ein weiteres gutes Stück näher bringt. Ausserdem eine gute Chance, das Qualitätsbewusstsein des Gastes für den Kaffee zu stärken.doch das erklärte Firmenziel lautet anders: «Auf dem Weg von der Kasse bis zum Barista soll der Kunde zum Lächeln gebracht werden. Dann haben wir ihn als Freund gewonnen.»

 Franchise ohne Einstiegsgebühr

Jüngst können Interessierte sich auch für ein Franchising des Miner’s-Konzepts bewerben: Der erste Franchiseshop soll noch dieses Jahr in Detmold seine Türen öffnen und der zweite folgt dann im kommenden Jahr in Paderborn. Die Franchise-Bedinungen lassen dem Nehmer genügend Luft: Grotegut verlangt keine Einstiegsgebühr, die Investitionen pro Outlet beziffert der Inhaber vom Miner’s inklusive aller Maschinen auf 200 000 bis 250 000 Euro. Die Franchise-Fee beläuft sich auf 5 Prozent vom Nettoumsatz. Sehr wichtig ist Grotegut aber, dass der Franchisenehmer auch wirklich die Miner’s-Philosophie lebt. Nach vier Jahren Erfahrung und Entwicklung mit dem ersten Shop in Bielefeld soll nun ein zweiter Company-eigener Shop folgen: in Münster. Expansion scheint für Grotegut jedoch keineswegs zentral: «Wir wollen ja nicht fünfzig Läden machen, dafür die, die wir machen, richtig.» 

 Quellangabe:

Cafè-Bistro-Cafetier, die Fachzeitschrift für Cafeterias, Tea Rooms, Cafè-Conditoreien, Cafè-Restaurants, Coffeeshops und Cofèbars im deutschsprachigen Raum. Offizielles Publikationsorgan des Schweizer Cafetier-Verbandes SCV (Herausgeber)Verlag: Schweizer Hotelier-Verein, Bern.Ausgabe: 5/2003 April/MaiInternet: http://www.swisshotels.che-mail: cafebistro@swisshotels.chAutoren: Katrin Singer & Gudrun Schlenczeke-mail: gudrun.schlenczek@swisshotels.ch